Klartext Kolumne

Klartext: Mogelpackungen

Ja, jetzt ist es also raus. Ein Verlag hat es doch tatsächlich gewagt, einer Autorin ein komplett angedichtetes Leben zu verpassen. Da wurde aus einer deutschen Schriftstellerin, die zuvor Krimis und Kinderbücher veröffentlicht hat, eine amerikanische Autorin gemacht, deren angebliches Debüt bei einem – ebenfalls frei erfundenen – New Yorker Verlag, Bestsellerstatus errang. Die „echte“ Person hinter dem Pseudonym wird lediglich als Übersetzerin der deutschsprachigen Ausgabe angegeben. Aufgedeckt wird der zum Skandal hochstilisierte Vorfall schließlich von einem anderen deutschen Krimiautor, quasi einem Kollegen.

Die Wogen der Empörung schwappen hoch, zwar auch bei einigen Lesern, viel mehr aber bei der übrigen Autorengemeinde. Da muss es erlaubt sein, sich zu fragen, warum gerade diese sich so echauffieren und lauthals von schwerem Betrug reden. Auf Kurzbiographien, die in Büchern meist angegeben sind, sollte auch in manch anderem Fall nicht viel geben werden. Doch dass diese Angaben manchmal – zuweilen bis zur Unkenntlichkeit – „geschönt“ sind, danach kräht kein Hahn. Vorgegaukelte Debüts sind dabei nichts Neues in der Literaturszene. Nicht jeder macht sich eben die Mühe, nachzuvollziehen, ob ein Autor nicht vielleicht unter anderem Namen oder gar mehreren Pseudonymen schon mal etwas veröffentlicht hat.

Kämen wir zu Pseudonymen an sich. Natürlich muss niemand unter seinem richtigen Namen veröffentlichen. Künstlernamen sind auch in anderen Sparten gang und gäbe. Gerade bei weniger im visuellen Blickpunkt stehenden Künstlern kann dies zum Schutz der eigenen Privatsphäre sehr hilfreich sein. Nur ist es ja so, dass bereits mit der Wahl eines Pseudonyms bestimmte Absichten verfolgt und Tatsachen verschleiert werden. Ein Schriftsteller, der historische Liebesromane schreibt, bekommt einen weiblichen Namen verpasst, weil ein männlicher Autor in diesem Genre laut Verlag nur schwer zu vermarkten ist. Ein Amerikaner namens Paul wird hierzulande zur Polly gemacht. Bei zusammen schreibenden Ehepaaren wird der Name des Mannes zunächst offiziell unter den Teppich gekehrt, weil eine Einzelperson für das Publikum anscheinend einprägsamer ist. Und Autoren aus bestimmten Genres wählen gezielt einen amerikanisch klingenden Namen, weil der angeblich wegen so manches Leservorurteils deutschen Autoren gegenüber mehr Publikum verspricht.

Gut, nun wurde im aktuell enthüllten Fall nicht etwas verschwiegen, sondern glattweg gelogen. Aber ab wann wird aus einer „kleinen“ Schummelei eine fiese, von einigen Personen sogar kriminell eingestufte, Täuschung? Zum einen liegt es wohl an der Quantität der geschwindelten Angaben. Sauer aufgestoßen ist aber vor allem, dass die nun in Ungnade gefallene Autorin vom Verlag einen Wettbewerbsvorteil durch die falschen Angaben mit auf den Weg bekommen habe. Eine Amerikanerin mit einem Bestseller – ist doch egal, ob sie unbekannt ist. So eine Anpreisung zieht bei Buchhändlern und Lesern. Und das dürfte einer der Hauptgründe für die hoch gekochte Aufregung sein. Andere Autorenkollegen fühlen sich jetzt sträflichst benachteiligt. Der rheinische Spruch, man muss auch gönnen können, trifft hier nicht auf fruchtbaren Boden.

Übrigens, eine einfache Internetrecherche hätte schon vor Monaten zum Erscheinungstermin zutage fördern können, dass weder der Originalbestseller, noch die Amerikanerin, noch der Originalverlag existieren. Nur für das Impressum interessieren sich halt die wenigsten Leute. Und mal ganz ehrlich, Leser haben sich doch schon daran gewöhnt, von Verlagen – und ja, auch von Autoren – ab und zu betuppt zu werden.

Herzliche Grüße
Tina Dick

Zuerst erschienen in der LoveLetter-Ausgabe #28/Juli 2007.

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