Klartext Kolumne

Klartext: Feindbilder abbauen

Wenn man Liebesromanleser über ihre Meinung zu Verlagen fragt, sind die ersten Reaktionen oftmals negativ. Den Unternehmen kann es kaum gefallen, dass sie als geldgierig angesehen werden, weil sie aus Käufersicht ihre Bücher viel zu teuer verkaufen und außerdem so ziemlich alles falsch machen, was man nur falsch machen kann. Das fängt an bei scheußlichen Nackenbeißercovern, geht über katastrophale Übersetzungspolitik, die dafür verantwortlich ist, dass Serien zerstückelt werden, indem mittendrin Bände ausgelassen werden, und endet noch lange nicht mit dem Vorwurf, immer nur das alte Einerlei herauszubringen. Komischerweise werden solche Vorhaltungen in den seltensten Fällen direkt an einen Verlag herangetragen. Nur wenige Leser schreiben ihnen E-Mails oder Briefe, obwohl jegliche Art von Resonanz sehr erwünscht ist.

Bei aller Aufregung, ob gerechtfertigt oder nicht, sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass ein Verlag kein abstraktes, lebloses Gebilde ist. Er setzt sich zusammen aus Menschen, die ihre Liebe zu Büchern zum Beruf gemacht haben. Natürlich müssen sie wirtschaftlich denken. Schließlich wollen sie wie andere Beschäftigte monatlich ihr Gehalt auf ihr Konto überwiesen bekommen. Das ist aber kein Widerspruch dazu, dass ihnen ihre Tätigkeit auch am Herzen liegt.

Gerade in letzter Zeit haben neue, junge Lektoren frischen Wind in die Szene gebracht. Ihre Begeisterung für das Genre ist spürbar. Sicher werden sie nicht den ganzen Betrieb von heute auf morgen umkrempeln. Das ist auch gar nicht nötig. Es ist aber schön zu beobachten, wie viel aufgeschlossener die Programmabteilungen für innovative Ideen geworden zu sein scheinen. Ihr Interesse an den Lesern, das sicher immer schon vorhanden war, kommt einfach inzwischen besser zur Geltung.

Das hat auch etwas damit zu tun, wie sich Verlage nach außen präsentieren. Kaum ein Leser weiß Bescheid über die Abläufe in Lektoraten und Co. Da ist Öffentlichkeitsarbeit, die kleine Einblicke in den Alltag gewährt, eine begrüßenswerte Angelegenheit. Unnahbarkeit war gestern. Ob Verlagsmitarbeiter nun in Workshops über die eigene Arbeit berichten, ganz hingerissen über eigene Leseerlebnisse erzählen oder sich in lockerer Atmosphäre mit Lesern austauschen – all das trägt dazu bei, einander besser kennen zu lernen.

Und wer sich kennt, geht ganz anders miteinander um, geht viel eher aufeinander zu, wird offener und zeigt mehr Verständnis für den anderen. Und eine solche Beziehung sollte gepflegt werden – von beiden Seiten.

Herzliche Grüße
Tina Dick

Zuerst erschienen in der LoveLetter-Ausgabe #27/Juni 2007.

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