Klartext Kolumne

Klartext: Die Sprache der Liebe

Seit Jahren wird beklagt, wie die gesellschaftlichen Sitten verfallen und im Umgang miteinander immer mehr Unhöflichkeiten oder gar Unflätigkeiten an der Tagesordnung sind. Unsere Ausdrucksweise hat viel damit zu tun, wie wir auf einander wirken. Wir können uns durch sie von anderen abgrenzen oder uns durch die Verwendung eines bestimmten Jargons auch einer Gruppe zugehörig fühlen.

Auch in der Literatur spielt Sprache eine gewichtige Rolle. Schriftsteller spielen mit ihr, setzen sie gezielt ein, um Emotionen rüberzubringen und Atmosphäre aufzubauen. Ein sorgloser Umgang mit Worten kann aber auch Stimmungen zerstören. Das gilt in Liebesromanen besonders in den Szenen, in denen sich zwei Menschen näher kommen. Um eine intime Situation geschmackvoll zu inszenieren, bedarf es großen Fingerspitzengefühls.

Das scheint nicht jeder Autor zu besitzen oder lässt es ganz bewusst außen vor, entweder um zeitgemäß zu wirken, irgendwelchen obskuren Marktgesetzen zu entsprechen oder schlicht und einfach um zu schockieren. Jedenfalls ist zu beobachten, dass derbe Sprache in Liebesszenen immer mehr Einzug erhält. Das mögen einige Leser begrüßen, anderen ist es egal, manche stößt es aber ab. Für sie geht die Romantik flöten.

Zwar unterliegt Sex heutzutage nicht mehr den strengen Taburegeln wie in prüderen Zeiten. Er ist aber noch immer ein heikles Thema. Wie weit darf ein Autor bei der Beschreibung des Liebesakts gehen, damit der Liebesroman noch als erotisch empfunden wird, und ab wann überschreitet er die Grenze zum „Hausfrauenporno“, wie er von Kritikern gerne geschmäht wird? Was ist akzeptabel, was ist verpönt?

Wie so vieles im Leben ist das eine Geschmacksfrage. Wenn ich einen erotischen Liebesroman zur Hand nehme, weiß ich, worauf ich mich einlasse. Ich werde höchstwahrscheinlich mit dem F-Wort konfrontiert. In reinen erotischen Romanen wird es noch rauere Ausdrücke geben. Bei einem „normalen“ Liebesroman hängt es sicher auch von der Zeit und dem Milieu ab, in dem er spielt, von welcher Wortwahl Gebrauch gemacht wir. Ebenso davon, ob es sich um eine Beschreibung oder aber um einen Dialog handelt, bei letzterem auch noch davon, wer miteinander redet.

Längst werden aber auch in Historicals Begriffe verwendet, die vor zwanzig Jahren nicht mal in einem zeitgenössischen Liebesroman angebracht waren. Selbst wenn etymologisch belegt sein sollte, dass bestimmte Bezeichnungen schon vor 200 Jahren zum Vokabular gehörten. Manches klingt in bestimmten Situationen einfach anachronistisch. Zwei Männer in einer Kneipe heute sprechen sicher anders miteinander als ein Liebespaar in seinem Schlafzimmer anno 1815.

Auch Lektoren und Übersetzer müssen sich fragen lassen, ob es immer unbedingt nötig ist, beispielsweise aus einem englischen cock einen deutschen Schwanz zu machen. In der einen Sprache war ein Begriff möglicherweise nicht so hart gemeint, wie er dann in einer anderen klingt. Vor allem sollten sie sich aber vor Augen halten, dass Stil nie aus der Mode kommt. Das gilt auch für die Wahl unserer Worte.

Herzliche Grüße
Tina

Zuerst erschienen in der LoveLetter-Ausgabe #30/März 2008.

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