Klartext Kolumne

Klartext: Kann denn Liebe Sünde sein?

Daran, dass wir inzwischen im 21. Jahrhundert leben, könnte man manchmal wirklich zweifeln. Bei einigen Dingen, die heutzutage immer noch in der Welt passieren, fühlt man sich doch in frühere Zeiten zurückgeworfen. Und nicht etwa bloß in die spießigen und prüden 1950er Jahre. Nein, in noch viel düsterere Kapitel der Vergangenheit, so wie das Mittelalter, als der Pranger oder die Hexenverbrennungen Hochkonjunktur hatten.

In der aufgeklärten westlichen Welt rühmen wir uns, dass es so etwas längst nicht mehr bei uns gibt. Und ja, wir können froh sein, dass niemand mehr an einem Schandpfahl auf einem Gemeindeplatz gefesselt und körperlich gezüchtigt wird oder auf einem Scheiterhaufen den Flammentod stirbt. Im übertragenen, inzwischen besser gesagt virtuellen Sinn, sind beide aber noch emsig im Einsatz.

Doch nicht nur unliebsame oder einfach nur unbequeme Menschen wurden beseitigt oder verbannt, mit Büchern ist oft ähnliches geschehen. An demagogische Bücherverbrennungen müssen gerade wir Deutschen uns unrühmlich zurückerinnern.

Nun wird es immer Bücher geben, durch die sich der eine oder andere beleidigt fühlt, die er gefährlich findet oder die er aus irgendwelchen Gründen schlicht ablehnt. Dass sollte aber niemandem das Recht geben, diesen Werken die Daseinsberechtigung abzusprechen und sie zu verbieten, sprich Zensur zu betreiben. Und doch geschieht das ständig, oder es wird zumindest versucht.

Seit 1982 wird in den USA jährlich die „Banned Books Week“ begangen. In einem Land, das sich die Meinungsfreiheit nicht nur in die Verfassung, sondern quasi auf die Fahne geschrieben hat, wird die Freiheit zu lesen, was man möchte, regional immer wieder infrage gestellt. Im Schulunterricht dürfen mitunter kontroverse Bücher, darunter auch Klassiker, nicht besprochen werden, wenn jemand erfolgreich dagegen protestiert. Öffentlichen
Bibliotheken ist es nicht mehr erlaubt, sie zu führen.

Ganz oben auf der Liste, warum Romane verboten werden oder versucht wird, sie verbieten zu lassen, sind explizite Sexszenen. Manchmal reicht auch schon eine anstößige Sprache. Oder die „falsche“ Art von Liebe, also zum Beispiel Homosexualität. Vorgeschoben wird dann gerne das Argument Jugendschutz.

Natürlich gibt es Bücher für Erwachsene, die nicht unbedingt geeignet sind für Kinder oder Jugendliche eines bestimmten Alters. Und das ist nicht bloß auf erotische Inhalte bezogen. Das sollte einem aber der gesunde Menschenverstand sagen, dazu bedarf es keines Verbots.

Doch darum geht es den selbsternannten Zensoren ja eigentlich auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, Meinungen und Lebensweisen, die einem einfach nicht passen, und ja, mitunter vielleicht auch zu Recht umstrittene Themen zu unterbinden. Was davon legitim ist, das dürfen wir aber nicht einen öffentlichen Aufschrei, ob nun von einzelnen oder von vielen, entscheiden lassen.

Herzliche Grüße
Tina

Zuerst erschienen in der LoveLetter-Ausgabe #113/November 2015.

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