Klartext Kolumne

Klartext: Ausgelesen

Tja, das ist ja wirklich der Gipfel! Da bietet eine Online-Plattform das Lesen von E-Books zu einem monatlichen Pauschalpreis an, und dann erdreisten sich die Kunden, dieses Angebot doch tatsächlich auszunutzen. Und wie machen sie das? Indem sie wirklich lesen. Und zwar viel. Allerdings sind es nicht alle Kunden. Die Bösen sind ausgerechnet Liebesromanfans.

Als Konsequenz wurden diese jetzt sozusagen entliebt. Nein, sie dürfen schon noch bleiben und brav die Flatrate zahlen. Nur dürfen sie halt nicht mehr alles lesen. Wie das geht? Nun, das Unternehmen streicht einfach einen Gutteil der Titel aus seinem Bestand. Und zwar die populären, die eben jeder lesen möchte.

Hm, mir scheint, das Problem sind hier eigentlich nicht die Kunden sondern die Plattformbetreiber, die allen Autoren nur einen Minibetrag dafür zahlen, wenn ihre Bücher konsumiert werden, und jetzt merken, dass ihr Geschäftsmodell trotz der Ausbeutung künstlerischen Schaffens nicht aufgeht und sie draufzahlen müssen – wo sie doch eigentlich den großen Reibach machen wollten.

Hätten sie vorher ihre Hausaufgaben gemacht, wäre das wohl nicht passiert. Denn wer auch nur ein bisschen Ahnung vom Liebesromangenre hat, weiß, dass viele der Anhänger Vielleser sind. Und viel heißt hier auch wirklich viel. In einschlägigen Statistiken gilt man ja schon mit fünfzig Büchern pro Jahr als solcher. Das schaffen Hardcore-Liebesromanleser aber locker in zwei bis drei Monaten.

Die Frage ist, wer jetzt zu bedauern ist. Die Unternehmer ganz sicher nicht. Ihr Fehler ist sie teuer zu stehen gekommen. Da blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Reißleine zu ziehen. Da sind sie aber selbst dran schuld. Den Lesern kann man im Prinzip keinen Vorwurf machen, haben sie doch nur eine Dienstleistung in Anspruch genommen, für die sie auch bezahlt haben, und nicht etwa illegale „Tauschbörsen“ besucht.

Allerdings ist das ein bisschen so wie beim Kauf von Billig-Klamotten. Es wird überhaupt nicht darüber nachgedacht, was sich hinter so manchem Schnäppchen verbirgt. Der Wert der Arbeit, die dahinter steckt, wird im Prinzip nicht gewürdigt. Gar nicht aus Bosheit, die Leute blenden diesen Umstand ganz einfach aus – und tragen mit ihrer Ignoranz dazu bei, dass andere ausgebeutet werden.

Also wären die Autoren die Opfer? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Irgendwie sind sie in der Zwickmühle. Einerseits verkaufen einige von ihnen sich völlig unter Wert und setzen damit Kollegen unter Druck, es ihnen gleichzutun. Andererseits würden sie sich auch ausgrenzen, wenn sie bei bestimmten Sachen, wie solchen Abomodellen, nicht mitmachen.

Und die Moral von der Geschicht? Es wäre nicht schlecht, wenn sich alle Seiten öfters in Erinnerung rufen, dass es auch Bücher nicht zum Schleuderpreis geben kann – und geben darf. Sonst gibt es irgendwann vielleicht keine mehr, zumindest nicht solche, die man auch lesen möchte.

Herzliche Grüße
Tina

Zuerst erschienen in der LoveLetter-Ausgabe #112/Oktober 2015.

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